Die Fahrt im Jeep dauerte nicht lange. Und nachdem wir je 2 frische Bananen zum zMittag verschlungen hatten begann die Wanderung; über lange Hängebrücken, raue Wege, durch bald reife Reisfelder und stotzige Waldabschnitte hinauf. Helen hatte uns zwei Tage vorher ziemlich aufgebracht wegen den zwei Kindern hier mit Cerebral Parese telefoniert. Das eine Mädchen kam mit wackligem Gang und grossen Armbewegungen lachend auf uns zu. Ram begann, sie zu untersuchen und als die Mutter kurz im Hausinnern verschwand drängte mich Helen, mit ihr auf die Veranda des Lehmhauses hoch zu kommen, zum anderen Mädchen, das die Mutter ihr von sich aus gar nicht gezeigt gehabt hatte. So steile klapprige Holztreppen brauchen immer einiges an Konzentration, und als ich oben auf die Holzveranda stieg konnte ich nicht glauben, was ich da sah. Das Mädchen sass am Boden, nackte Beine, am rechten Knöchel mit einem alten kurzen Stoffbändel an einer Latte des Geländers angebunden, dreckig, zerzaust und mit weit aufgerissenen Augen. Das Geschöpf ist bereits 16 Jahre alt, auch wenn sie aussieht wie 8 jährig. Die Mutter füttert sie von Zeit zu Zeit, ohne festen Plan, macht sie ab und zu sauber. Sie wird gehalten wie ein Hund, schlimmer. Kein Kontakt zu Leuten, so dass sie es mit der Angst zu tun bekam, als wir Fremde auftauchten. Momente, wo sich alles in mir drinnen würgt, ich betend zu Gott schreie und die Welt und die Art der Menschen nicht vestehen kann. Vom immer am Boden sitzen hat das Mädchen so versteifte Knie- und Hüftgelenke, dass sie nun nie wird stehen und gehen lernen können, was ich denke, dass es mit der richtigen Förderung möglich gewesen wäre. Helen ist sehr gut im Angehörige aufklären, beraten etc. Das macht mir Hoffnung. Doch diese Mutter muss viel viel lernen und total umdenken bis es diesem Kind besser gehen kann. In diesem Land hat ein behindertes Kind, dessen Eltern sich nicht um es kümmern möchten, keine Chance.
Es war spät geworden und schnell liefen wir über den Hügel, ein kleines Pässchen und weiter im Halbdunkeln über die rutschigen Steine auf den schmalen Pfaden den Reisfeldern entlang, runterkletternd, halb in einem Bachbeet, dann wieder zwischen zwei Feldern auf dem schmalen Mädli. Schliesslich, nach sicher einer halben Stunde im Stockdunkeln bogen wir in fast kopfhoch gewachsene Reisfelder ab, balancierten über die Mädli und erreichten das recht grosse Gehöft von Helens Familie. Später gabs leckeren Daalbhat- Reis und Linsensuppe mit Gemüse. Vor dem Einschlafen redeten wir noch ein bischen über den schrecklichen Zustand des angebundenen Mädchens, und Helen fragte mich über die Schweiz und das Leben dort aus, vieles erstaunte sie, und ich merkte wiedermal, wie anders unsere Kulturen sind. Ich erzähle ihr von Gott und Jesus und wiesehr er uns liebt. Sie staunte, fand alles spannend.
Um 10 Uhr verstand ich grad gar kein Nepali mehr vor lauter Müdigkeit und schlief dann herrlich in der Stille des Dorfes.
Statt 6 Uhr wars schon 7 Uhr bis wir endlich aufbrachen am nächsten Morgen und in der näheren Umgebung 2 behinderte Kinder, eines mit Down Syndrom und eines mit Muskeldystrophie, besuchten. Ich freute mich zu sehen, wie vor allem Helen und Ram super arbeiteten, viel von dem, was wir ihnen in den Kursen in Pokhara gelehrt hatten, umsetzen konnten und sinnvolle Therapieansätze fanden. Die Eltern dieser Kinder kümmern sich mit viel Liebe um sie und lernen Stück für Stück, wie sie zu fördern.
Grosse schwarze Spinnen mit dicken länglichen grossen Körpern mit gelben streifen und dünnen Beinen besiedelten die ganze Natur hier, hingen zwischen den Bäumen oder Gebüschen, hatten riesige Kunstwerke von Netzen gebaut und warteten auf ein Opfer. Als ich fasziniert stehenblieb und auf die Frage hin, was denn sei, erklärte ich, dass wir keine so grossen Spinnen hätten in der Schweiz. Da meinte Ganesh, ich könne ja eine heimnehmen. – Nein Danke!
Es war schon fast 10 Uhr, doch Daalbhat war nicht gekocht, so tranken wir Mohi, das ist, was übrigbleibt, wenn Milch bearbeitet wird um Gee, eine Art Butter herzustellen. Es ist ein bischen wie Buttermilch. Einerseits fast gut, andererseits an der Grenze zum Würgreflex, besonders wenn die grossen Schlämpen plötzlich im Mund auftauchen. Es wird normalerweise mit ungekochtem Wasser gemischt- also inständiges Tischgebet erforderlich. Wir bekamen in Oel gebratene Crisps aus Reismehl dazu. Ich einen Teller mit einer verhältnismässig grossen Portion für mich während die anderen sich einen Teller teilten. Gierig (weil hungrig) verschlang ich viel davon und bot dann trotzdem noch ziemlich halbherzig den anderen an, zum Glück erfolglos. Ich tunkte die Dinger zum Amüsement der anderen in den Mohi, nicht weil es so viel besser war, aber umso mehr weil es dann so lustig knisterte.
Wir gingen den steilen Weg zum Bach runter, über die Brücke und auf der anderen Seite wieder hoch. Ein kurzes Stück auf der Strasse- kein Verkehr, wiedermal ist wegen irgend einem Aufstand banda dh aller Verkehr gesperrt- und ab dann gings 3 Stunden ziemlich diretissima einen sehr steilen Hügel hoch. Ich war sehr froh, dass ich fit bin, so litt ich nur wegen der Hitze. Helen litt ein bischen mehr. Wir machten immer wiedermal eine Pause. Irgendwo fand Ram für mich Lapsi, eine klebrige kleine Frucht, die ich noch nie frisch gegessen hatte. Zudem brachten sie frische kleine Orangen. Mhh! Weiter gings, Schweisstuch sei dank. Schliesslich erreichten wir das Zu Hause von Narajan. Die jüngere Schwester und die Schwiegertochter wurden sofort in die Küche geschickt und begannen, für uns Daalbhat zu kochen. Ich putzte meinen Fuss von all dem roten Blut nach einem Blutegelbiss- es hatte nur mich erwischt- Blutegel scheinen Ausländerblut als Abwechslung zu mögen. Narajan holte Orangen und Guavas vom Baum, lecker. Wir sassen auf der Veranda, untendran an der Sonne trockneten Gerstenkörner, und knallrote Pfefferschoten, und besprachen die Behandlung für die zwei Kinder mit Cerebral Parese von gestern.
Der Daalbhat schmeckte sehr gut und nach einer weiteren Stunde bergauf erreichten wir Durlung, ein Dorf auf der Hügelkrete mit super Aussicht. Viele Behinderte und ihre Angehörigen hatten sich vor einem Haus versammelt. Ich teilte meine Leute in 2 Gruppen auf und sie machten gute Arbeit; nach eineinhalb Stunden waren wir fertig mit untersuchen und erster kurzer Erklärung zu Uebungen, oder wohin für weitere Behandlung gegangen werden sollte. Es regnete, wir bekamen Nudelsuppe (wow, soviel Essen heute, nachdem wir gestern während 10 Stunden wandern und behandeln nur 3 Bananen gegessen hatten), dann einen Tee und es war schon wieder am eindunkeln.
Die Dorflehmhäuser haben meist unten einen „grossen“ Raum wo man sitzt und in der Ecke die Küche ist (oder die Küche ist draussen). Es wird am Boden mit Feuer gekocht. Dementsprechend ist alles verraucht, die Decke schwarz. Ich plauderte mit den Leuten dieser Familie, später mit meinen vier Dorfarbeitern über den heutigen Tag und machte mit ihnen eine kleine Lektion über wie man so eine „Versammlung“ noch besser organisieren könnte, und um halb neun gabs endlich Daalbhat.
Danach wäre ich gerne schlafen gegangen. Aber wo? Wir mussten warten bis es uns gezeigt würde. Schliesslich gingen die Herren ins Zimmer nebenan, Helen und ich würden im grossen Raum schlafen. Es hatte drei Holzbetten, auf einem lag die 92 jährige taube Grossmutter unter ihrer Decke (bis über den Kopf gezogen, ich wunderte mich, dass sie so nicht erstickte!) Wir sassen herum und warteten, bis sie mir schliesslich sagten, als ich möglichst noch müder dreinzuschauen versuchte, dass ich auf dem Bett, um das wir alle sassen, schlafen könne. Na gut, aber zum rumsitzen hatte ich auch keine Lust mehr. Ans Umziehen denkt man da nicht mehr, auch wenn einem tagsüber die Schweissbäche den Rücken runter gelaufen waren. Ist ja kühl jetzt. Der Seidenschlafsack zeigte sich sehr widerspenstig zum reinschlüpfen, was nicht half, wenn es schon gar nicht veständlich ist, warum man sowas hat und ja schliesslich 4 Frauen ums Kopfteil des Bettes rumsassen und zuschauten. Ich quetschte mich an den Rand des Bettes bis sie mir schliesslich sagten, dass das ganze Bett für mich sei und Helen auf dem anderen schlafen würde. Protestieren nützte nichts. Die anderen schliefen am Boden bei der Küche. Ein Tuch über den Kopf und ich versuchte zu vergessen, dass die anderen rund um meinen Kopf sassen und noch eine Stunde plauderten, zu vergessen, dass mein Inneres sich nach ein klein bischen Privatsphäre sehnte um sich zu erholen. Normalerweise mache ich ein Kopfkissen aus einem Tuch oder so weil ich auf den steinharten dicken nepalischen Dingern nicht schlafen kann. Aber noch mehr aufzufallen bei sowas kreieren unter den 8 Augen meiner Beobachterinnen wäre zuviel für mein Gemüt gewesen. Also muss es halt sein, ein Gebet und oh Wunder, ich konnte wirklich und ohne Nackenstarre auf dem nepalischen „Kissen“ schlafen!
Nach ein paar Stunden Schlaf lag ich wach, krazte mich wegen all den Bettflöhen oder wanzen halb Wund, versuchte verschiedene Viechli, die auf mir rumkrabbelten zu töten und lauschte den Ratten oder Mäusen und dem Geschnarche der Grossmutter. Naja. Nochmals eine Runde geschlafen und dann musste ich mich rausschleichen für aufs Klo- ein niedriges Häuschen drei Häuser weiter unten. Ich merkte, dass ich schon gar nicht mehr wie früher auf die Idee kam, das Bretterhüttchen vor dem Betreten nach grossen Spinnen abzusuchen- man stumpft ab und verbraucht keine Energie mehr für so Nebensächliches... Das Schliessen der Haustüre mit dem Holzprügel weckte komischeweise die taube Grossmutter auf, die dann die nächste Stunde damit verbrachte, ihre Lunge zu reinigen, dh lautstarkes Chodere und rausspucken- ein paar Zentimeter von Helens Kopf entfernt. Bin sicher, dass dies Helen weniger störte, als dass es mich gestört hätte. Irgendwas tönte als ob die Grossmutter das mit dem Klo drinnen mit einer Schüssel erledigen würde, was ich mit ihrere Mobilitätsfähigkeit auch verstehen würde…
Pünklich um 5 Uhr ging das Licht an- ja, hier hat es, im Gegensatz zu Helens Dorf, eine Stromleitung- der Tag beginnt. Die Frauen im Dorf in Nepal sind früh wach, um mit all ihrer Arbeit fertig zu werden. Die Schwiegertochter begann, den Lehmboden nass zu putzen- das wird jeden morgen gemacht. Ich lag noch ein bischen auf dem Bett und genoss die Atmosphäre, schaute dem Rauch von der Küchenecke zu, wie er der Decke entlangkroch und freute mich über all das so andere, besondere, verrückte, exotische das ich erleben darf, über die Gastfreundschaft, über „meine“ Dorfarbeiter und ihre gute Arbeit mit den Behinderten.


